zur Navigation springen

Nachkriegserinnerung


Minenräumung in und um Vogelsang im Jahre 1945,
wie ich sie erlebte

Ein Bericht von Bernhard Lehmann
(Jahrgang Mai 1930)

Vogelsang

Der Krieg war beendet, aber die hinterlassenen Schäden und Gefahren im Ort zeigten sich für die Bewohner von Vogelsang erst mit der Rückkehr von der Flucht. Ich werde es wohl nie mehr vergessen, wie fürchterlich der Ort in den ersten Tage nach Kriegsende aussah. Es waren nicht nur die vielen zerstörten Gebäude und die mit Schützengräben durchzogenen Flächen, die mich erschütterten. Vielmehr war es der unvorstellbare, grauenhaften Anblick der vielen, bis zur Unkenntlichkeit zugerichteten Toten, beiderseits der Fronten und der Gestank der Kadaver. Der Verwesungsgeruch lag noch lange über Ort und Umgebung. Besonders gefährlich aber waren die sehr vielen, noch im Boden gelegenen Minen.

Aber die Zeit heilt auch in Vogelsang die Kriegswunden. Unser Ort ist, wie wir einstmals sangen: "Auferstanden aus Ruinen ..." und ist jetzt schöner denn je geworden. Die Erinnerungen an jene schreckliche Zeit verblassen und werden vergessen. So wird es später kaum noch einer wissen, was sich hier einst im Ort zugetragen hat. Deshalb schreibe ich diesen Bericht als einer der letzten Zeitzeugen meines Alters, für ein wenig technisch - historisch Interessierte und für die Nachwelt.

Auch meine Mutter und ich fanden nach der Rückkehr von der Flucht nur noch einen Trümmerhaufen vor. Haus und Nebengebäude waren zerstört und der Hof mit Schützengräben durchzogen. Erhalten war nur noch der Keller, in den ein Schützengraben führte. Im Garten des Nachbarn verlief die Frontlinie mit Gräben und Bunkeranlagen. So mussten wir vorerst in Fürstenberg (Oder), einem Stadtteil des heutigen Eisenhüttenstadt, wohnen. Mein Vater blieb im Krieg vermisst.

In der Bildmitte ein aus roten Klinkern erbauter Wasserturm. Eine Strasse besschreibt vor dem Turm eine Rechtskurve.
Ort der Panzersperre in Fürstenberg(O)
In Fürstenberg (O) wurde die Bevölkerung laufend zu Arbeitseinsätzen aufgerufen. Meistens ging es dann zum Schippen am Oderdamm. Eines Tages folgte ich wieder einem solchen Aufruf und mit mir noch weitere Jugendliche. Es kam ein Offizier der sowjetischen Stadtkommandantur und führte uns zum Stadtausgang in Richtung Vogelsang. Dort sah ich in der Berliner Straße gegenüber dem Krankenhaus viele gefällte, querliegende Bäume. Es war eine noch nicht beseitigte deutsche Panzersperre. Das Hindernis konnte nicht beräumt werden, weil darunter noch Minen lagen. Wir bekamen den Auftrag sie zu entfernen. Sie waren deutscher Bauart, bestanden aus Stahlblech und hatten eine rechteckige Kastenform von etwa 0,50 m Länge. Diese waren für schwere Fahrzeuge, wie Panzer und gepanzerte Fahrzeuge bestimmt und für uns weniger gefährlich. Im Vordergrung eine asphaltierte Strasse mit Radweg, dahinter eine Baumgruppe ohne Blattwerk
Minenfeld an den Kiesgruben
Wir beseitigten sie und lagerten sie abseits der Straße. Es mußte aber geprüft werden, ob seitlich der Sperre noch weitere lagen, die ein Umfahren des Hindernisses verhindern sollten. So war es dann auch. Auf dem Hof des angrenzenden Grundstücks entdeckten wir sowjetische Schützenminen, mit denen ich später noch zu tun haben sollte. Wir entschärften sie und dachten, dass unser Einsatz nun beendet sei. Doch er ging weiter. Im Vordergrung eine asphaltierte Strasse, dahinter etwas Gehölz und ein markanter Erdwall
Lage der deutschen Stellungen
Der sowjetische Offizier führte uns in Richtung Vogelsang, gleich hinter der ersten Kurve rechts, zu einem großen Minenfeld, wo heute die Kiesgruben sind. Strategisch diente es vermutlich zur Sicherung der dem Feld gegenüber gelegenen deutschen Frontlinie vor Angriffen vom sowjetischen Brückenkopf, am Kraftwerk Vogelsang. Die Stellungen sind noch heute an dem später errichteten hohen Erdwall zu erkennen. Auf die Räumung dieses Minen-Typs gehe ich jetzt nicht ein, da ich sie noch später erläutern werde. Auch nähere Begebenheiten hierzu möchte ich nicht wiederholen. Sie sind in einem anderen Bericht enthalten unter: Transnetseite der Eisenbahnfreunde aus Frankfurt(O)

Im Vordergrung ein Gartenteich, dahinter ein Einfamilienhaus mit weisser Fassade
Wohnhaus Fam. B. Lehmann
Des öfteren ging ich zu Fuß nach Vogelsang, um unser Grundstück zu enttrümmern. Eines Tages kam zu mir ein sowjetischer Soldat. Er sprach etwas deutsch und gab mir zu verstehen, dort zu verbleiben und in Deckung zu gehen. Dabei wies er auf den Kellereingang hin und sagte: "... gleich Bumm!" Damit wollte er mich und die wenigen Bewohner des Ortes vor einer Sprengung warnen. Ich empfand das als eine gut gemeinte, rücksichtsvolle Geste. Als er mich am Trümmerhaufen unseres Wohnhauses beim Abputzen von Ziegelsteinen sah, sagte er: "Wenn fertig - dann du tot!" Diese Worte waren für mich nicht gerade anspornend.

ehemaliger Gasthof Kahlisch bis 1945
ehemaliger Gasthof Kahlisch bis 1945
Mit Bäumen und Sträuchern zugewachsenes Ruine. Die Grundmauern sind nur noch teilweise erkennbar
Ruine des Gasthof Kahlisch
Historische Ansicht, eine von kleinen Linden umrahmte unbefestigte Strasse. Links im Vordergrund ein Gasthaus im Stil der Neigründerzeit.
Gasthof zur Sonne im Jahr 1910 (Bahro)
Foto: Karin Jäkel-Mohr
Aber, mit meiner Arbeit wurde ich auch mal fertig - unser Haus wurde wieder aufgebaut - und ich lebe noch! Ich sagte ihm, was alle Russen verstanden: "Hitler nicht gut!" Darauf erwiderte er in bemerkenswerter Weise: "Stalin auch nicht!" Der Soldat ging vom Hof und ich in den Keller. Danach gab es eine gewaltige Explosion im unteren Teil des Dorfes. Dorfstrasse im Jahre 1965
Dorfstrasse im Jahre 1965
Dorfstrasse im Jahre 2014
Dorfstrasse im Jahre 2014
Erdmassen, Holz und Schienen flogen in die Luft. Es war der Munitionsbunker der deutschen Truppen, der gesprengt wurde. Er befand sich im Garten des damaligen Landwirts Ernst Lehmann, direkt gegenüber des zerstörten Gasthofs Kahlisch, wo heute ein neu errichtetes Wohnhaus steht.

Ich setzte meine Arbeiten auf dem Grundstück fort und entdeckte im Garten eine sowjetische Panzermine. Da ich diesen Typ vom Einsatz bei Fürstenberg (O) her kannte, entschärfte ich sie sogleich. Die Mine bestand aus einem Holzkasten etwa 0,30 x 0,30 x 0,20 m, einem klappbaren Deckel und einem Sprengstoffpaket, in dem der Zünder steckte.

Nachdem ich den Sand vom Deckel entfernt hatte, klappte ich ihn hoch und zog den Zünder heraus. Er war ca. 15 cm lang, wirkte nach dem Prinzip einer Gewehrpatrone und bestand aus dem Zündteil mit Schießpulver und dem Schlagbolzen. In Grundstellung war er durch Federkraft gespannt und durch einen Splint gegen Zurückschnellen gesichert. Sobald der Zünder den entsprechenden Druck bekam, wurde der Splint abgeschert und die Explosion ausgelöst.

Allein der Zünder wirkte tötlich. Einwohner, die nur geringe Verletzungen durch Minen erlitten, sind früher oder später gestorben. So auch die Einwohner Herr Oskar Balke und Willi Lauke beim Mähen in der Aue. Es mangelte meistens an der schnellen medizinischen Hilfe und an Medikamenten.

Im Vordergrund eine mit Feldsteinen gepflasterte Strasse, dahinter Eigenheime
Haus der Familie Schalow
Von meinem Einsatz erfuhr auch mein Onkel, Otto Bock. Er wohnte in Vogelsang, Hauptstr. 1, (heute die Familie Schalow, seine Enkeltochter). Sein Wohnhaus war auch zerstört, das Stallgebäude aber hatte er schon weitgehend ausgebessert. Er sagte, ich solle ihm doch mal das Minenentschärfen zeigen. In seinem Garten lägen auch so viele und er wolle ihn doch umgraben. Auf einen Räumtrupp könne er nicht warten, da es diesen im Ort nicht gäbe. Außerdem wäre er nicht der Einzige, der eine solche Hilfe bräuchte.

Ich möchte aber erwähnen, dass sich später, Herr Emil Gluschke, der Minenräumung annahm und verdient machte. Er wohnte in Vogelsang, Ecke Hauptstraße - Gartenstraße und soll aber infolge seiner gefährlichen Arbeit verunglückt sein.

Gartenzaun mit dahinterligenden Garten
Bereich des ehemaligen Minenfeldes
Unser jetzt zu räumendes Minenfeld erstreckte sich längs von Bocks-Garten und grenzte am Zaun der jetzigen Familie Gerd Kurtz. Es wurde vermutlich von den Sowjets zum Schutz ihrer Flanke, der besetzten oberen Dorfhälfte, angelegt. Wie ich erfuhr, war das Grundstück zuvor von deutschen Soldaten besetzt. Einer davon suchte später das Gehöft meines Onkels auf und erzählte, dass er in jenen Tagen mit seinem "Geschütz" (vermutlich ein Granatwerfer!) dort Stellung bezog und vom Stallgebäude den Gegner beschoss. Wie er sagte, soll dieser ebenso mit einem Feuerhagel beantwortet worden sein. Die Einschläge im Gemäuer sind noch heute sichtbar. Schließlich musste der Soldat später seine Verteidigungsstellung aufgeben und sich zur Hauptkampflinie zurückziehen. Sie lag dem Garten gegenüber, in ca. 500 m Entfernung, etwa in der heutigen Linie: "Kiesgrubensee" - "Waldrand" - " Beiken-Fichten" - "Weißer Berg".

Nun begannen wir mit der Räumung des Feldes. Wir fanden zunächst sowjetische Panzerminen, die ich schon von meinen bisherigen Einsätzen und von unserem Garten her kannte. Sie waren meistens an der Stelle zu finden, wo wir noch dunkle Hügel frischen Bodenauswurfs sahen. Ich kratzte sie vom Sand frei und zeigte meinem Onkel wie man sie entschärfte.

Nun wollte er es allein tun, während ich außerhalb des Feldes bleiben sollte, um mich nicht zu gefährden. Ich half ihm aber trotzdem.

Bei unserer Arbeit entdeckten wir zu unserem Schreck auch noch sowjetische Schützenminen. Diese Art von Mine war mir von der "Panzersperre" her als sehr gefährlich bekannt. Sie ähnelte in der Form einer "Zigarrenkiste" und wirkte wie eine "Mausfalle". Die Mine explodierte schon bei geringerer Last, sobald der Druck auf den geölten Sicherheitsdorn des Zünders größer war, als der seitliche Federdruck des Schlagbolzens auf ihn. Deshalb war bei ihrem Freilegen und Entschärfen aufzupassen, dass ihr Zünder nicht belastet wurde. Diese Vorsicht galt auch bei der Verwendung von sog. "Minenstipperstangen", die wir aber nicht hatten. Damit durfte die Lage der Sprengkörper nur durch seitliches, vorsichtiges Stippen "gefühlt" werden. Er explodierte ebenfalls sobald der Druck auf den Deckel groß genug war.

Die Zünder transportierten wir einzeln, aber ohne sie in der Hand zu drücken. Es hätte sich sonst der Dorn des Zünders heraus gedrückt und wäre explodiert. Die gewonnenen Erkenntnisse über die Mechanik dieser Sprengkörper waren somit für uns lebenswichtig. Als ich wieder einmal bei der Arbeit war, schrie mein Onkel: "Junge - bleib stehen, hinter dir eine Schützenmine!" Ich erschreckte, drehte mich um und sah, dass sie nur kurz hinter meinem Fuß lag. Sie war im Boden kaum zu sehen. Wäre ich nur etwas zurückgetreten, hätte sie mich erwischt! Vor Aufregung konnte ich sie nicht mehr entschärfen, mein Onkel machte das.

Altes Bauwerk, Nutzung als Stall erkennbar
Stallgiebel, an dem die Minen
gestapelt wurden
Die Kästen stapelten wir am Giebel seines Stallgebäudes. Ihre Zünder aber lagerten wir abseits und getrennt von ihnen; denn eine versehentliche Auslösung eines dieser kleinen Sprengkörper - der ganze Stapel wäre uns "in die Luft geflogen" und hätte das Stallgebäude total zerstört. Auch wir hätten die gewaltige Sprengung nicht überlebt, da wir in unmittelbarer Nähe waren. Die Zünder wollten wir wegen der großen Explosionsgefahr auch nicht liegen lassen. Deshalb überlegte ich, wie wir sie unschädlich machen könnten und schlug vor, sie zu sprengen. Hierzu bräuchten wir aber einen Zugdraht und fanden sogar ein längeres Feld-Fernsprechkabel.

Einfriedung mit Maschendrahtzaun
Hier stand der Pfahl
Jetzt suchten wir nach einem Pfahl an dem wir die Ladung befestigen konnten. Dieser stand günstig an der Gartengrenze zu Kurtzes. Um den Pfahl stellte ich vorsichtig, aufrecht und kreisförmig alle Zünder.

Haus mit Satteldach und Nebengelass
Vorderansicht des Hauses Kurtz
Jetzt gingen wir im unmittelbar benachbarten Wohnhaus der Familie Kurtz in Deckung. In der Vorderfront war ein großes Loch zum Keller geschlagen, in das ein Schützengraben führte. Bis dorthin legte ich vorsichtig das Kabel.

Da die benachbarten Häuser nicht bewohnt und keine Personen in der Nähe waren, brauchten wir auch niemanden zu warnen.

Ich bereitete die Sprengung vor, indem ich das Kabel etwas straffte und dann mit einem kräftigen Ruck anzog. Sogleich warf ich mich zum Schutz hinter die Kellerwand. Ohrenbetäubend erfolgte die Explosion.

Wir schauten uns die Sprengstelle an. Der Pfahl stand nicht mehr. Solche Detonationen waren desöfteren im Ort zu hören. Ihre Wahrnehmung löste bei den Bewohnern höchste Aufmerksamkeit aber auch Schrecken aus. So kam dann auch eine Frau aufgeregt zu uns und rief, ob denn wieder einer auf eine Mine gelaufen sei. Wir beruhigten sie.

Wie ich später erfuhr, hat mein Onkel in seinem großen Garten noch weitere Minen gefunden und sie dann auch selbst entschärft. Insgesamt sollen es 146 Stück gewesen sein.

Gegenüber seines Gartens befand sich in Erweiterung unseres geräumten Feldes noch ein weiteres langes Minenfeld in einem Roggenfeld, das über lange Zeit nicht gemäht werden konnte. Ich sah, wie es Monate später deutsche Soldaten als Kriegsgefangene mittels "Minen-Stipperstangen" räumten. Sie waren es auch, die unsere entschärften Minen mitnahmen und später sprengten.

Übrigens soll ein Soldat des Einsatzkommandos auf dem ehemaligen Bauernhof Reinhold Gaul - gleich der erste rechts, am Dorfeingang aus Richtung Eisenhüttenstadt - durch einen Sprengkörper so zerrissen worden sein, dass Körperteile bis auf einen Baum hinauf geschleudert wurden.

Die Minenräumung war für uns sehr gefährlich und wir hätten sie deshalb auch nicht durchführen dürfen. Aber wer nahm schon bei meinen bisherigen Einsätzen darauf Rücksicht. Alle unserer Bewohner waren gefährdet, besonders aber Jugendliche durch Blindgänger, Geschossmunition und Handgranaten. Wie ich einmal sah, verwendeten einige Jungen sie zum radikalen Fischfang an der Oder, indem sie die Granaten ins Wasser warfen und explodieren ließen. Die größeren Fische brachten sie nach Hause, dessen Fang-Methode sie den Eltern sicherlich verschwiegen hatten. Sie nannten es "Fische-Döwen". Die Jungen sahen es bei sowjetischen Soldaten, die ebenso wie sie, großen Schaden anrichteten, besonders aber in der Fischbrut. Dabei brachten sie sich nicht nur selbst, sonderen auch andere in Gefahr. Ihre Aktion aber hätte, wenige Monate nach Kriegsende, eine Reaktion der Sowjetarmee nach sich ziehen können.

Wir haben uns In unserem abenteuerlichen Unternehmen in der Not selbst geholfen, aber auch dazu beigetragen, unseren Ort möglichst schnell von diesem Teufelszeug - den Minen - zu befreien und damit vielleicht auch menschliches Leid verhindert. Ein solches Unheil darf sich nicht wiederholen! Deshalb schließe ich mich der weltweiten Forderung an, nach Ratifizierung des Abkommens zur Ächtung und dem Verbot der Land- und Personenminen durch alle Länder, mit dem Vermächtnis:


Nie wieder Krieg!

Bernhard Lehmann
Vogelsang, März 2014